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Fachgespräch „Pädagogische Konzepte und neue Vermittlungsformate bei der NS-Aufarbeitung“

Die erinnerungspolitische Bildungsarbeit der Zukunft steht vor zahlreichen Herausforderungen. Mit dem Rechtspopulismus geht eine Relativierung der universellen Verantwortung für den Erhalt der Erinnerung an die Shoah für nachkommende Generationen einher. Die demografischen Veränderungen in unserer Gesellschaft, die Diversitäten, werden oft in den pädagogischen Konzepten der Gedenkstätten oder in der Gedenkarbeit nicht gebührend berücksichtigt.

Beklagt wird auch die Tatsache, dass die Generation der Shoah-Überlebenden von uns geht und nicht mehr als Partner*innen für die Erinnerungsarbeit zur Verfügung stehen wird. Überlebende der Shoah und andere NS-Verfolgtengruppen sowie ihre Zeugenschaft sind längst zum Gegenstand der Geschichtswissenschaft geworden. Diese veränderte sich dahingehend, dass Überlebende eine unverzichtbare Quelle der Historiker*innen wurden. Die Interaktion von Überlebenden und Historikern bildete dabei eine unabdingbare Voraussetzung für die Vermittlung historischen Wissens und der Erinnerungskultur. Die individuellen Lebenserzählungen der Überlebenden waren in der praktischen Bildungsarbeit eine wichtige Stütze, um die Verfolgtenperspektive und den entsprechenden Erfahrungshorizont zu vermitteln.

Doch wir müssen auch hervorheben: Viele Überlebende sind nach wie vor in historisch-politische Bildungsprozesse eingebunden und wir müssen, wie bei dem Kampf um Ghetto-Renten auch, die überlebenden Kinder des Holocaust sowie ihre bereits nach der Befreiung geborenen Nachkommen, die sogenannte dritte Generation, als Partner in der Erinnerungsarbeit anerkennen und berücksichtigen.

Die Stimmen der Überlebenden werden nicht zwangsläufig aus der Bildungsarbeit verschwinden bzw. können weiterhin genutzt werden, um einem multiperspektivischen Anspruch gerecht zu werden.

Wir müssen jedoch anerkennen, dass historisches Lernen gerade durch die Begegnung mit Überlebenden eine andere Qualität hatte. Dabei geht es nicht um ein emotionales Moment, welches für das Entwickeln historischer Kompetenz zwingend notwendig wäre. Der Besuch der Gedenkstätte Buchenwald verhinderte nicht, dass die beiden Nazi-Terroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos den NSU gründeten. Nein, vielmehr geht es darum, Empathie und Interesse für das Gegenüber zu entwickeln, einen Perspektivwechsel. Darin liegt der humanistische Erkenntniswert der historischen Bildung zur Shoah.

Ohne einen Bezug zur Lebenswelt von Überlebenden wird es für die nachfolgenden Generationen schwerer greifbar, was die Verbrechen des Nationalsozialismus und der Shoah sind. Ohne die Begegnung mit Überlebenden wird sich die pädagogische Auseinandersetzung verändern.

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