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Brigitte Freihold an der ehemaligen Rampe am Bahnhof Sobibor

Bericht: Dienstreise nach Sobibor

Gedenksteine in der vom Bildungswerk Stanislaw Hantz 2003 eingerichteten Gedenkallee in Sobibor
Von links nach rechts: Jakub Deka (Vorsitzender der Stiftung „Polnisch-Deutsche Aussöhnung“), Brigitte Freihold, Marian Turski (Vereinigung der Jüdischen KombattantInnen), Pierre Lévy (Botschafter Frankreichs in Polen), Rolf Nikel (Botschafter der Bundesrepublik in Polen).
Von links nach rechts: Rolf Nikel (Botschafter der Bundesrepublik in Polen), Jarosław Sellin (Vizeminister für Kultur), Piotr Gliński (Vizepremier) und Brigitte Freihold im Gespräch.
Kranzniederlegung durch Brigitte Freihold am sogenannten Aschefeld in Sobibor

Bericht der Bundestagsabgeordneten Brigitte Freihold (DIE LINKE) zur Dienstreise im Oktober 2018 nach Polen anlässlich des 75. Jahrestags des Aufstandes im deutschen Vernichtungslager Sobibor.

Sobibor gehört neben Bełżec und Treblinka zu einem von insgesamt drei Vernichtungslagern der sogenannten Aktion Reinhardt. Zwischen Juli 1942 und Oktober 1943 wurden im Zuge dieser Aktion über zwei Millionen, mehrheitlich polnischer, Jüdinnen und Juden sowie schätzungsweise 50.000 Roma systematisch ermordet. Allein im deutschen Vernichtungslager Sobibor wurden auf brutale Weise mit den Abgasen von Dieselmotoren mehr als 34.000 Kinder und erwachsene Juden und Roma aus den Niederlanden, 26.000 aus der Slowakei und 3.500 aus Frankreich vergast. Unter den Opfern befanden sich auch mindestens 20.000 deutsche Juden, darunter Jüdinnen und Juden, die aus dem Gebiet des heutigen Wahlkreises Pirmasens stammen bzw. von dort deportiert wurden.

Fehlende Öffentlichkeit

Die ehemaligen deutschen Vernichtungslager der Aktion Reinhardt sind heute in der Öffentlichkeit der Bundesrepublik weitgehend unbekannt. Dies betrifft auch jene Orte, in denen die deutschen Juden lebten oder von denen sie deportiert wurden.

Ein möglicher Grund für die fehlende Bekanntheit der drei deutschen Vernichtungslager der Aktion Reinhardt liegt darin, dass die deutschen Täter nach den Aufständen der jüdischen Häftlinge in Treblinka am 2. August 1943 und 14. Oktober 1943 in Sobibor diese Vernichtungslager auflösten und alle Spuren zu vernichten versuchten. Andererseits fehlt bis heute eine umfassende und lückenlose Aufarbeitung dieses Verbrechenskomplexes in der historischen Wissenschaft. Eine umfassende strafrechtliche Ahndung der deutschen Verbrechen an diesen Orten hat bislang nicht stattgefunden. Interessierte haben kaum Zugang zu niedrigschwelligen, populär-wissenschaftlichen Bildungs- und Literaturangeboten. Erschwerend kommt hinzu, dass die deutschen Täterorte bewusst außerhalb der Grenzen des damaligen Deutschen Reichs errichtet wurden und eine Anreise dorthin heute einige Erschwernisse mit sich bringt.

Die Erinnerung an die Opfer der drei deutschen Vernichtungslager der Aktion Reinhardt steht auch nicht im Mittelpunkt staatlichen Gedenkens.

Kern des Holocaust und jüdischer Widerstand

Die Aktion Reinhardt stellt nach Ansicht des Historikers Stephan Lehnstaedt den eigentlichen Kern des Holocaust dar.

Dabei zeigen die dortigen Aufstände, dass der Holocaust nicht die Geschichte passiver Opfer darstellt. Denn die Juden ließen sich eben „nicht wie Schafe zur Schlachtbank“ führen, so der Auschwitz-Überlebende Hermann Langbein. Aber sie mussten den Widerstand gegen den Holocaust auch selbst unternehmen, weil niemand sonst für sie die Waffen ergriff. Ganz auf sich alleine gestellt, bewiesen sie Mut und Tatkraft, anders als Millionen Deutsche, die den Nationalsozialismus trugen.

Trotz dieser elementaren Bedeutung für die Geschichte der Juden und die Geschichte des Holocaust als solcher sind diese Ereignisse hierzulande weitestgehend unbekannt.

Rolle der Zivilgesellschaft

Es ist den Bemühungen der Zivilgesellschaft, insbesondere engagierten Schulleitungen im polnischen Izbica oder Włodawa sowie Kulturschaffenden in Lublin und Trägern wie dem Bildungswerk Stanislaw Hantz aus Kassel oder der Stichting Sobibor aus Amsterdam zu verdanken, dass die Opfer dieser deutschen Vernichtungslager nicht in Vergessenheit geraten. Seit mehr als 10 Jahren wirken diese Vereine in der polnisch-belorussisch-ukrainischen Grenzregion und arbeiten auch mit der deutschen Zivilgesellschaft zusammen. Nur dadurch konnten zahlreiche Bildungsfahrten aus der Bundesrepublik in die Orte der Verbrechen organisiert werden, bei denen diese mit Schulen und Vereinen in Polen kooperieren.

Notwendigkeit langfristiger Erinnerungsarbeit

Die Bundesregierung hat leider weder zum 75. Jahrestag des Aufstandes im Warschauer Ghetto im April 2018 ein eigenständiges Gedenken durchgeführt, noch plante sie ein solches zum 75. Jahrestag der Aufstände in den deutschen Vernichtungslagern Treblinka (August 2018) bzw. Sobibor (Oktober 2018).

Eine systematische, langfristige, strukturell verankerte und ganzheitlich ausgerichtete bildungspolitische Erinnerungs- und Gedenkarbeit zum Themenkomplex „Aktion Reinhardt“ wird derzeit durch die Bundesrepublik weder inhaltlich noch finanziell gefördert.

Besonders hinderlich auf der Ebene der politischen Bildung ist dabei, dass ein ganzheitlicher Ansatz der erinnerungspolitischen Annäherung an das Thema „Aktion Reinhardt“, der Forschung, das Gedenken und historische Vermittlung in der politischen Bildung vereinen würde, sich nicht feststellen lässt.

Dies ist gerade angesichts der steigenden Zahlen antisemitischer Vorfälle und der Tatsache, dass immer weniger Überlebende als Zeitzeugen in der politischen Bildung zur Verfügung stehen, nicht entschuldbar. Darüber hinaus wurden nach wie vor keine Voraussetzungen für eine langfristige Bildungsperspektive für die Träger der politischen Bildungsarbeit geschaffen, welche LehrerInnen-Weiterbildung und die Erstellung entsprechender Materialien zur Wissensvermittlung berücksichtigen und Projekte der historischen Vermittlung auf eine sichere finanzielle Grundlage stellen könnte.

Politische Schwerpunkte der Reise

Die Erinnerung an die Verbrechen der deutschen Nazis gehört zu den zentralen geschichtspolitischen Aufgaben der Bundesrepublik.

Bereits in der 17. Legislaturperiode wurde die Notwendigkeit der Gewährleistung einer umfassenden Bildungs- und Erinnerungsarbeit mehrfach im Unterausschuss Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik (UAKB) sowie dem Ausschuss für Kultur und Medien thematisiert.

Vor diesem Hintergrund legte die Abgeordnete Brigitte Freihold die Schwerpunkte ihrer Dienstreise auf das Führen von Gesprächen mit VertreterInnen des Verbandes der Jüdischen Gemeinden in Polen, den Leitungsgremien der zuständigen Gedenkstätten Sobibor, Belzec, der Zivilgesellschaft sowie den beteiligten Mitarbeitern des polnischen Ministeriums für Kultur und nationales Erbe.

Vor Ort in Sobibor

Am Vormittag erreichte die Abgeordnete den Ort Sobibor, in dem sich die 2012 wegen Geldmangels geschlossene Gedenkstätte Sobibor befindet. Gegenwärtig entsteht dort unter Federführung eines internationalen Steering Committees der Republik Polen, des Staates Israel, der Republik Slowakei und dem Königreich Niederlande ein modernes neues Museum.

Gespräche mit der Zivilgesellschaft

Die Abgeordnete nutzte die Zeit, um sich mit Jugendlichen aus Deutschland und den Niederlanden über die aktuellen Probleme der Bewahrung der Erinnerung an die Opfer der Aktion Reinhardt auszutauschen.

Im Gespräch mit VertreterInnen des Bildungswerks Stanislaw Hantz aus Kassel, dessen AktivistInnen seit mehr als 10 Jahren in der Region aktiv sind, wurde deutlich, dass eine umfassende Bildungsarbeit zur Aktion Reinhardt langfristig nicht lediglich durch Ehrenamt und Projektmittelförderung gewährleistet werden kann.

Bei einem Gespräch mit Herrn Edward Kopówka, dem Leiter der Gedenkstätte Treblinka wurde deutlich, dass auch die Infrastruktur des bereits Anfang der 1960er Jahre eingeweihten Museums dringenden Sanierungsbedarf hat. Sorge wurde insbesondere um die erhalten gebliebenen Gedenkobjekte geäußert.

Die deutschen VertreterInnen der Zivilgesellschaft äußerten darüber hinaus ihr Bedauern, dass Prof. Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien, trotz Ankündigung einer Teilnahme an der Gedenkzeremonie nicht anwesend war, was angesichts der ranghohen VertreterInnen aus Polen und verschiedenen ausländischen Delegationen als missliches Signal aus der Bundesrepublik gewertet wurde.

Die Abgeordnete traf sich auch mit einer Schülergruppe aus Frankfurt/Main, die nach einem antisemitischen Vorfall an ihrer Schule beschlossen hatte, nach Sobibor zu fahren. Die Gruppe wurde begleitet von der Museumsleiterin des Heimatmuseums der Stadt Moerfelden-Walldorf.

Die Abgeordnete begrüßte auch Marian Turski, Überlebender des deutschen Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau und Vorstandsmitglied der Vereinigung der Jüdischen Kombattantinnen und Kombattanten und Geschädigten des Zweiten Weltkrieges. Dabei bedankte sich die Abgeordnete für die Unterstützung der Vereinigung bei den gemeinsamen Bemühungen, um eine Zahlbarmachung von Ghetto-Renten für ehemalige Ghetto-Beschäftigte, die während ihrer Beschäftigung im Ghetto noch als Kinder und Minderjährige eingesetzt wurden.

Auf Initiative der LINKEN fanden die Bundestagsfraktionen in der letzten Wahlperiode eine einvernehmliche Lösung in Form eines „Rentenersatzzuschlags“ für Verfolgte, die in Ghettos der Nationalsozialisten gearbeitet haben, aber bislang aufgrund fehlender Wartezeit in der Rentenversicherung keine Ghettorenten erhalten konnten.

Treffen mit RegierungsvertreterInnen

Im Gespräch mit dem deutschen Botschafter in Polen, Herrn Rolf Nikel, unterstrich die Abgeordnete die Notwendigkeit eines substanziellen finanziellen und inhaltlichen Beitrags der Bundesrepublik bei dem Erhalt der Erinnerung an die Opfer der Aktion Reinhardt.

Freihold nutzte die Gelegenheit, um sich bei Jarosław Sellin, Staatssekretär im Ministerium für Kultur und Nationales Erbe der Republik Polen, und Piotr Gliński, Vizevorsitzender des Ministerrates und Minister für Kultur und Nationales Erbe der Republik Polen, über die Fortschritte des Museumsneubaus zu erkundigen. Die polnische Seite versicherte auf Anfrage der Abgeordneten, dass sie eine Zusammenarbeit mit der deutschen Seite in Bezug auf Erinnerungsmaßnahmen zur Aktion Reinhardt begrüßen würde und konkreten Angeboten der deutschen Seite hierzu aufgeschlossen gegenüberstehe.

Gedenkzeremonie

Die Gedenkzeremonie begann am Mittag mit der Verlesung eines Briefes des Staatspräsidenten der Republik Polen, Andrzej Duda. Anschließend wurde der Orden der Wiedergeburt Polens, die zweitranghöchste, polnische zivile Auszeichnung, posthum an Leon Feldhendler verliehen. Der polnische Jude Feldhendler gehörte neben dem Rotarmisten Aleksandr Petscherski zu den Anführern des Aufstandes in Sobibor.

Anschließend hielt der Vize-Premier Prof. Robert Gliński eine Ansprache. Dieser folgten Ansprachen der VertreterInnen des Stearing Committees, der Botschafterin des Staates Israel Frau Anna Azari, der Generaldirektorin für Öffentliche Gesundheit des Königreiches Niederlande Frau Angelique Berg, des Botschafters der Slowakischen Republik Herrn Dušan Krištofík sowie des Botschafters der Russischen Föderation Herrn Sergey Andreev. Anschließend sprach Herr Jarosław Sellin, Staatsekretär im polnischen Kulturministerium, und der Direktor des Staatlichen Museums Majdanek Herr Dr. Tomasz Kranz.

Am Nachmittag begann die Zeremonie der Niederlegung der Kränze durch die angereisten Delegationen. Die Abgeordnete Freihold legte als Mitglied des Ausschusses für Kultur und Medien einen Kranz nieder.

Nach der feierlichen Niederlegung der Kränze besuchte die Abgeordnete eine kleine Auswahl der Exponate aus der Ausstellung „Recovered from the Ashes“ im Besucherzelt. Dabei handelt es sich um archäologische Funde von ForscherInnen aus Israel und Polen, die seit 2000 bei Grabungen auf dem Gelände ausgehoben wurden.

Am späten Abend trat die Abgeordnete ihre Rückreise über Warschau zurück nach Berlin an.

Fotos: Kamil Majchrzak, Büro Brigitte Freihold


Termine

100 Jahre Frauenwahlrecht
Diskussionsabend der VHS Pirmasens
Mittwoch, 14. November 2018, 19 Uhr
Pirmasens, Carolinensaal, Buchsweilerstr. 15


Bürgersprechstunde
Donnerstag, 15. November 2018, 10 Uhr
Pirmasens, Wahlkreisbüro, Kaiserstr. 45


Diskussion zum Kerosinablass ziviler und militärischer Flugzeuge

Mit:
Prof. Dr. Bernd Kaina,
Toxikologe Unimedizin Mainz

Dr. Jürgen Ott,
Präsident Naturschutzverein Pollichia

Achim Müller,
Friedensinitiative "Entrüstet euch!"

Mittwoch, 5. Dezember 2018, 18:30 Uhr
Pirmasens, Kuchems Brauhaus, Schlossstr. 44

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20. bis 23. März 2019
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