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Foto: Olaf Krostitz

Gemeinsam Lernen und Erinnern - Chancen eines deutsch-polnischen Museums

Mit dem Überfall Deutschlands auf Polen am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg. Im Zuge der deutschen Vernichtungspolitik wurden fast 6 Millionen polnische Staatsbürger*innen, darunter mehr als 3 Millionen polnische Jüdinnen und Juden, tausende Sinti und Roma und weitere Minderheiten, ermordet. Um eine vertrauensvolle deutsch-polnische Nachbarschaft zu stärken und gegenseitiges Interesse und Verständnis zu schaffen, gilt es noch zahlreiche Wissenslücken insbesondere in der deutschen Gesellschaft zu schließen.

Dafür braucht es die Verbindung von fundiertem Wissen, historischer Vermittlung sowie kulturellem Austausch und Gedenken. Gleiches gilt für die Thematisierung aktueller historischer Narrative und Debatten in beiden Gesellschaften. Hierfür müssen entsprechende Räume für interdisziplinäre Kooperationen geschaffen werden. Denn Versöhnung bemisst sich nicht an der Anzahl zwischenstaatlicher Besuche von Politiker*innen, sondern vor allem an der Intensität zwischenmenschlicher Beziehungen der deutsch-polnischen Nachbarschaft.

Um eben jene zu stärken und den ins Stocken geratenen Versöhnungsprozess zwischen beiden Ländern zu intensivieren, brachte die Bundestagsabgeordnete Brigitte Freihold Anfang des Jahres den Antrag „Ein binationales deutsch-polnisches Museum - Gedenken, Aufklärung und Verantwortung“ (Bundestags-Drucksache 19/8356) zur Errichtung eines entsprechenden Museums mit Standorten in beiden Ländern in den Bundestag ein. Am 13. September 2019 fand dazu eine Podiumsdiskussion zum Thema „Deutsch-Polnisches Museum: Gemeinsam Lernen und Erinnern“ statt, die gemeinsam mit dem Polnischen Institut Berlin veranstaltet wurde.

In ihrem Eingangsstatement hob Brigitte Freihold hervor, dass ohne aktive lebendige Erinnerungsarbeit, die auch Widergutmachungs-Politik einschließt, der Versöhnungsprozess mit Polen nicht gelingen kann. Nach wie vor genieße die deutsch-polnische Nachbarschaft nicht den angemessenen Stellenwert, den unsere gemeinsame mehrhundertjährige Geschichte des Austauschs verdienen würde. Junge Menschen wüssten in Deutschland nur wenig über ihre polnischen Nachbar*innen und die tiefen Wunden, die der Vernichtungskrieg gegen Polen hinterlassen hat. Ohne Übernahme der Verantwortung für die unvorstellbaren Gewaltverbrechen der deutschen Besatzung durch die Bundesrepublik und die nachfolgende Traumatisierung mehrerer Generationen ist echte und nachhaltige Versöhnung mit Polen nicht möglich. Die Errichtung eines deutsch-polnischen Museums könnte ein erster Schritt zur Neuausrichtung im deutsch-polnischen Versöhnungsprozess sein.

Dies bestätigten auch die geladenen Expert*innen. Prof. Dr. Stephan Lehnstaedt vom Touro College Berlin, der als erster ein solches Museum forderte, verwies dabei auf den Dialog über unsere Beziehungsgeschichte, der durch ein binationales Museum zu einer Stärkung des gegenseitigen Austauschens führen könnte: Nicht nur durch die Experten, die die Ausstellung erarbeiten, sondern auch durch Besuchergruppen sowie ein breitgefächertes Bildungs- und Pädagogikprogramm. Wichtig sei dabei, dass die Kenntnis der jeweils anderen Geschichte überhaupt erst das Wissen vermittelt, das für einen von Respekt geprägten Dialog notwendig ist. Dr. Justyna Schulz, Leiterin des Instytut Zachodni, erklärte im Hinblick auf die Debatte um Reparationen, dass wir endlich Reife zeigen müssen, um die bisherigen Leerstellen bei der Übernahme der Verantwortung für die Folgen der Besatzungszeit zu füllen.

Deshalb schlug Brigitte Freihold die Bildung einer Expert*innengruppe aus deutschen und polnischen Historiker*innen sowie Jurist*innen vor, die sich über die Möglichkeiten eines zwischenstaatlichen Vertrages zur endgültigen Klärung der Wiedergutmachungsfragen verständigen und entsprechende Vorschläge unterbreiten könnte.

Der Vorsitzende der Deutsch-Polnischen Parlamentariergruppe Manuel Sarrazin verwies auf unterschiedliche Ideen, die im Raum stehen, um den Stellenwert der Nachbarschaft mit Polen zu erhöhen. Er unterstrich dabei, dass die Polendenkmal-Initiative nicht als Konkurrenz zu einem deutsch-polnischen Museum verstanden werden sollte, sondern beide Projekte sich vielmehr ergänzen sollten.

Der stellvertretende Vorsitzende der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Berlin e.V. Dr. Wolfram Meyer zu Uptrup kritisierte, dass trotz immenser Anstrengungen im deutsch-polnischen Versöhnungsprozess noch immer in der deutschen Gesellschaft kein Konsens hergestellt wurde, auf dessen Grundlage gemeinsames Gedenken in unseren Nachbarstaaten stattfinden kann.

Die inhaltliche Ausgestaltung der beiden Museen müsste durch eine gemeinsame Kommission deutscher und polnischer Historiker*innen geklärt werden, so Freihold. Dabei müsse gewährleistet werden, dass historische Narrative jeweils aus deutscher und polnischer Perspektive beleuchtet und hinterfragt werden könnten. Über die Schwerpunkte der inhaltlichen Ausrichtung müssten sich Expert*innen der Geschichtswissenschaft und der politischen und kulturellen Bildung verständigen. Die Einrichtung der beiden Museen könnte auch als ein Baustein der zwischenstaatlichen Wiedergutmachung verstanden und als solche von deutscher Seite finanziert werden. Hierfür schlug Brigitte Freihold die Einrichtung eines erinnerungspolitischen Fonds vor. Dieser könnte darüber hinaus verschiedene weitere Maßnahmen bündeln, wie die angemessene Entschädigung und Rentenzahlungen an noch lebende Opfer des Krieges, insbesondere die Opfer von Zwangsgermanisierung, und die zivilgesellschaftlichen Initiativen zur Erhaltung der Erinnerung für nachkommende Generationen fördern. Freihold unterstrich hierbei die Einbeziehung der Nachkommen und die Anerkennung der transgenerationellen Traumaweitergabe als Folge der deutschen Vernichtungspolitik und Besatzung von Polen.

Die Abgeordnete sprach sich dafür aus, zu prüfen, ob ein solcher erinnerungspolitischer Fonds durch eine zwischenstaatliche Vereinbarung beider Länder auf eine vertragliche Grundlage gestellt werden könnte, so dass auch Vermögensfragen einer endgültigen vertraglichen Klärung zugeführt werden und rechtswirksam von beiden Seiten als abgeschlossen betrachtet werden können.

Die Abgeordnete Brigitte Freihold ist überzeugt, dass neben der historischen Vermittlung auch die politische und kulturelle Bildung gewährleistet werden muss. Opfer der deutschen Besatzung in Polen waren die in der Shoah planmäßig ermordeten rund 3 Millionen polnischen Juden sowie über mehr als 2,5 Millionen Angehörige anderer ethnisch-nationaler Gruppen: zuvorderst Polen, aber auch polnische Roma, Belarussen, Ukrainer, Litauer und andere. Sie alle litten in deutschen Konzentrationslagern, unter Vertreibung und Zwangsumsiedlung, Hunger und Ausbeutung, Zwangsarbeit und Massenmorden.

Darüber hinaus ist es wichtig, dass neben der Geschichte der deutschen Besatzung und der Shoah auch die mehrhundertjährigen Erfahrungen des intellektuellen, kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Austauschs und gegenseitigen Profitierens anerkannt werden und der Fokus auf eine gemeinsame Zukunft in Europa und die Demokratietraditionen Polens, wie der ersten modernen Verfassung von 1791 in Europa, gerichtet wird.

Brigitte Freihold bedankt sich bei allen Diskutant*innen und Gästen sowie insbesondere bei Dr. Kai-Olaf Lang für die Moderation und dem Polnischen Institut Berlin für die gute Zusammenarbeit und das zur Verfügung stellen ihrer Räumlichkeiten.

Teilnehmende:

Brigitte Freihold, MdB, erinnerungspolitische Expertin der Linksfraktion und Mitglied im Ausschuss für Kultur und Medien des Deutschen Bundestages

Prof. Dr. Stephan Lehnstaedt, Historiker und Professor für Holocaust-Studien am Touro College Berlin

Dr. Justyna Schulz, Direktorin am Instytut Zachodni (IZ), Poznań

Manuel Sarrazin, MdB, Sprecher für Osteuropapolitik von Bündnis 90/Die Grünen, Vorsitzender der Deutsch-Polnischen Parlamentariergruppe

Dr. Wolfram Meyer zu Uptrup, stellvertretender Vorsitzender der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Berlin e.V.

Dr. sc. pol. Kai-Olaf Lang, Stiftung Wissenschaft und Politik (Moderation)


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