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Brigitte Freihold, DIE LINKE: Täter sind keine Opfer

Rede: Täter sind keine Opfer

Die AfD will eine Gedenkstätte für die deutschen Täter, die Hitler bis zum Kriegsende und darüber hinaus folgten. Das ist nicht überraschend für eine Partei, für die Geschichtsrevisionismus zum politischen Alltag gehört. Angesichts gescheiterter Strafverfolgung der Täter und der Tabuisierung von Täterschaft in Familiennarrationen, muss uns dieser erneute Versuch, Täter in Opfer umzudeuten, Anlass sein, endlich über unsere brüchige Erinnerungskultur zu reflektieren!

Protokoll der Rede:

Sehr geehrter Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Die AfD will der deutschen Opfer gedenken. Sie will aber nicht der planmäßigen Ermordung deutscher Juden durch ihre deutschen Nachbarn gedenken, 

(Dr. Marc Jongen [AfD]: Doch! – Dr. Bernd Baumann [AfD]: Blödsinn!) 

der deutschen Sinti, 

(Dr. Marc Jongen [AfD]: Doch!) 

der deutschen Opfer von Zwangsarbeit, „Kinder-Euthanasie“ oder der als Homosexuelle und Asoziale Verfolgten. 

(Dr. Marc Jongen [AfD]: Doch! – Dr. Bernd Baumann [AfD]: Wo haben Sie denn das her? Stimmt doch nicht! – Zuruf von der LINKEN: Buh!) 

Sie verschweigt damit 

(Dr. Bernd Baumann [AfD]: Überhaupt nichts!) 

die entrechteten Deutschen in den deutschen KZs, deutsche Juden, Kommunisten und Sozialdemokraten, deutsche Widerstandskämpfer, Deserteure und Soldaten der Anti-Hitler-Koalition. Allein im polnischen Untergrund oder der französischen Résistance kämpften etliche deutsche Wehrmachtsdeserteure. 

(Beifall bei der LINKEN) 

Ja, deutsche Soldaten starben – weil sie einen Vernichtungskrieg geführt und verloren hatten. Der deutsche Vernichtungswille fiel auf Deutschland zurück, weil die Deutschen nach wie vor an Hitler glaubten und unfähig zur Kapitulation waren. Wer waren denn die Nazis? Die Deutschen. 

(Dr. Marc Jongen [AfD]: Aha!)

Die meisten ihrer Millionen Opfer gab es aber bei den versklavten und verfolgten Nachbarn in Europa. Die meisten Opfer der Deutschen haben die Befreiung nicht mehr erlebt. Für die Mehrheit der Deutschen war es keine Befreiung; sie folgten Hitler bis zuletzt. Die AfD will nun eine Gedenkstätte für die Deutschen, die bis zum Schluss und auch Jahrzehnte danach Hitler folgen wollten. Das lehnen wir ab. Täter sind keine Opfer. 

(Beifall bei der LINKEN – Dr. Bernd Baumann [AfD]: Das ist doch Verhetzung, was Sie machen!) 

Gedenken sollte denen gelten, an die man sich gerade nicht erinnert. Das sind nicht die eigenen Toten; das sind die von unseren Vorfahren in Deutschland und Europa ermordeten Menschen. In diesem Sinne frage ich Sie, meine Damen und Herren von der AfD: Warum unterstützen Sie nicht zum Beispiel den Vorschlag für ein deutsch-polnisches Museum in Gedenken an die circa 5,6 Millionen polnischen Opfer der deutschen Besatzung, die Hälfte davon Juden, 

(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)

oder ein Denkmal für die polnischen Befreier von Berlin? 

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen der demokratischen Fraktionen, angesichts der neuen Provokation der AfD sollten wir auch selbstkritisch über den Zustand unserer Erinnerungskultur reflektieren. Theodor Adorno kritisierte den Gestus der deutschen ‚Aufarbeitung der Vergangenheit‘, der mehr der Tilgung der Erinnerung dient und weniger Ausdruck gesellschaftlicher Mündigkeit ist. Angesichts des wachsenden Antisemitismus und Antiziganismus sowie der Morde von Halle und Hanau wäre es zu einfach, den Missstand auf die AfD zu verkürzen. Ein Selbstverständnis moralischer Überlegenheit in der bundesdeutschen Vergangenheitsbewältigung manifestiert sich in jahrzehntelang verweigerten Entschädigungen und Ghettorenten, fehlender Anerkennung marginalisierter Opfergruppen, der ausgebliebenen Rehabilitierung der Opfer der Polenstrafrechtsordnung. 

(Beifall bei der LINKEN) 

Solange zwei Drittel der deutschen Familiennarrationen aus Opfer- und Heldengeschichten bestehen und entgegen den historischen Erfahrungen die Täterschaft und die Mittäterschaft kaum thematisiert werden - Studien belegen das - , solange bleibt unsere Erinnerungskultur weiterhin brüchig. Dankeschön.

(Beifall bei der LINKEN)

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